Wer macOS schon länger nutzt, erinnert sich vielleicht noch an die Zeit vor OS X Lion: Virtuelle Desktops, sogenannte Spaces, ließen sich damals in einem zweidimensionalen Raster anordnen. Man konnte Arbeitsbereiche nicht nur horizontal, sondern auch vertikal stapeln – ein System, das räumliche Orientierung auf dem Bildschirm auf eine ganz andere Ebene hob. Mit dem Erscheinen von OS X Lion im Jahr 2011 strich Apple dieses Grid-Layout ersatzlos und zwang Nutzer seitdem in eine rein lineare, horizontale Anordnung ihrer virtuellen Desktops. Für viele Power-User war das ein herber Rückschritt.
Muskelgedächtnis als unterschätzter Produktivitätsfaktor
Ein Entwickler hat sich nun dieser alten Wunde angenommen und eine eigene App entwickelt, die das klassische Grid-System in macOS zurückbringt. Seine Motivation ist dabei keineswegs reine Nostalgie: Er argumentiert, dass das zweidimensionale Raster von virtuellen Desktops eine fundamentale kognitive Stärke ausspielt, die Apple mit dem Wechsel zu einer linearen Darstellung bewusst oder unbewusst geopfert hat. Räumliches Gedächtnis und Muskelgedächtnis arbeiten beim Menschen zusammen – wer weiß, dass ein bestimmter Arbeitsbereich „oben rechts" liegt, navigiert instinktiv dorthin, ohne nachdenken zu müssen. Eine eindimensionale Reihe von Spaces hingegen zwingt zur bewussten, sequenziellen Navigation.
Dieses Prinzip ist aus der Kognitionswissenschaft bekannt: Menschen orientieren sich in zweidimensionalen Räumen erheblich effizienter als in linearen Sequenzen. Ein Grid aus beispielsweise 3×3 Desktops erlaubt es, neun verschiedene Arbeitskontexte mit einer klaren geografischen Logik zu verwalten. Man „wohnt" quasi in seinem Desktop-Layout. Die lineare Variante, wie sie macOS heute anbietet, skaliert schlecht: Ab einer bestimmten Anzahl von Spaces verliert man schnell den Überblick.
Apple und die verlorene Tiefe der Nutzerschnittstelle
Die Entscheidung, das Grid zu streichen, passt in ein größeres Muster, das Apple seit den frühen 2010er Jahren verfolgt: Vereinfachung um jeden Preis. Was für Gelegenheitsnutzer intuitiver wirkt, bedeutet für professionelle Anwender und Entwickler oft einen Verlust an Kontrolle und Effizienz. Ähnliche Diskussionen gab es rund um das Abschaffen von Expose in seiner ursprünglichen Form, die Veränderungen an Final Cut Pro oder die jahrelange Vernachlässigung des Mac Pro.
Bemerkenswert ist, dass Apples Konkurrenz hier längst reagiert hat: Unter Linux bieten Window-Manager wie i3, bspwm oder KDE Plasma seit Jahren hochgradig konfigurierbare Grid-Layouts für virtuelle Desktops an. Selbst Windows 11 hat mit seinen Snap-Layouts zumindest rudimentäre Rasterkonzepte für die Fensteranordnung eingeführt. macOS hingegen hat in diesem Bereich seit über einem Jahrzehnt kaum Fortschritte gemacht.
Die App als Community-Lösung
Die neu entwickelte App schließt diese Lücke und zeigt einmal mehr, wie aktiv die macOS-Entwicklergemeinschaft ist, wenn Apple selbst keine Antworten liefert. Tools wie Magnet, Rectangle oder Moom für Fensterverwaltung existieren aus demselben Grund: Nutzer wollen mehr Kontrolle, als das Betriebssystem von Haus aus bietet. Das Grid-Spaces-Projekt reiht sich in diese lange Tradition ein.
Für tech-affine Mac-Nutzer, die täglich mit vielen parallelen Projekten und Kontexten arbeiten, könnte die Rückkehr zum Grid-Layout einen spürbaren Produktivitätsgewinn bedeuten. Es bleibt zu hoffen, dass Apple selbst eines Tages wieder auf die Bedürfnisse seiner professionellen Nutzerschaft hört – oder zumindest den Drittentwicklern nicht den Weg versperrt, es selbst zu tun.
Quellen: Hacker News