Im Juli 2025 machte das kanadische Unternehmen Central European Petroleum (CEP) eine Entdeckung, die Europas Energiepolitik aufmischt: Das Ölfeld "Wolin East" in der polnischen Ostsee ist der größte konventionelle Kohlenwasserstoff-Fund in der Geschichte Polens. Die Bohrplattform liegt nur sechs Kilometer vor Świnoujście (Swinemünde) – und ist von der deutschen Ferieninsel Usedom mit bloßem Auge sichtbar.
Die Zahlen
Die Entdeckungsbohrung Wolin East 1 erreichte in 2.715 Metern Tiefe eine 62 Meter mächtige Kohlenwasserstoff-Säule mit hochwertigem Leichtöl (33,4 API). Die geschätzten Reserven:
- 22 Millionen Tonnen förderbares Rohöl und Kondensat
- 5 Milliarden Kubikmeter Erdgas
- Insgesamt: ca. 200 Millionen Barrel Öläquivalent
- Geschätzter Wert: rund 28 Milliarden Euro
Im gesamten Lizenzgebiet (593 km²) werden sogar über 33 Millionen Tonnen Öl und 27 Milliarden Kubikmeter Gas vermutet. Zum Vergleich: Polens bisherige Gesamtreserven lagen bei 20,2 Millionen Tonnen – der Fund könnte sie mehr als verdoppeln.
Polens Reaktion: Jubel und Kritik
Polens Chefgeologe Krzysztof Galos bezeichnete die Entdeckung als möglichen "Durchbruch in der Geschichte der Kohlenwasserstoff-Exploration in Polen". Außenminister Radosław Sikorski feierte den Fund auf X als weiteren Erfolg der Regierung.
Doch es gibt auch scharfe Kritik: Der ehemalige PGNiG-Chef Piotr Woźniak griff den Staatskonzern Orlen an: "Orlen hat in Polen keinen einzigen Kubikmeter Gas und kein einziges Barrel Öl produziert. 14 Jahre lang haben sie nichts getan – unter keiner Regierung."
Deutschland reagiert skeptisch
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) warnte vor "massiven Umweltschäden" und betonte: "Unsere Zukunft liegt nicht im Öl der Ostsee, sondern in der Energie aus Sonne, Wind und Biomasse." Die Grünen im Landtag MV sprachen von "dramatischen Folgen für Ostsee und Umwelt".
Brisant: Laut dem Landesumweltministerium fanden die Erkundungsbohrungen ohne offizielle Information an Deutschland statt – ein möglicher Verstoß gegen ein deutsch-polnisches Abkommen über grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfungen.
Historischer Kontext: Öl auf Usedom
Erdöl in der Region ist kein Novum: Bereits seit 1966 wird auf der Halbinsel Gnitz bei Lütow auf Usedom gefördert – das größte Ölfeld der ehemaligen DDR. Die Spitzenproduktion lag 1969 bei 220.000 Tonnen jährlich. Heute fördert Neptune Energy dort noch im kleinen Umfang (2.812 Tonnen/Jahr 2021). Wolin East bewegt sich jedoch in einer völlig anderen Größenordnung.
Geopolitische Bedeutung
Der Fund fällt in eine Zeit, in der die EU ihre Abhängigkeit von russischem Gas von 45% auf 12% der Importe gesenkt hat. Im Januar 2026 beschloss der Rat der EU ein stufenweises Verbot russischer Gasimporte bis 2027. Das Feld könnte 4-5% des jährlichen polnischen Ölbedarfs decken – kein Gamechanger für Europa, aber ein geopolitisches Signal.
Ob und wann das Öl tatsächlich fließt, hängt von Bewertungsbohrungen, Genehmigungen und der deutsch-polnischen Diplomatie ab. Frühester Produktionsbeginn: 2028-2030.