Es klingt wie Science-Fiction, funktioniert aber bereits: Ein riesiger unterirdischer Heizkörper, der ohne Pumpe Strom und Wärme liefert. Das kanadische Unternehmen Eavor Technologies hat in Geretsried bei München weltweit erstmals Strom aus einem vollständig geschlossenen geothermischen Kreislauf ins Netz eingespeist – ein Meilenstein für die Energiewende.
So funktioniert der Eavor Loop
Das Prinzip ist bestechend einfach: Zwei vertikale Bohrungen reichen bis in 4.500 Meter Tiefe, wo Temperaturen von über 150°C herrschen. Dort sind sie durch 12 horizontale Verbindungsstränge (Laterals) miteinander verbunden – wie ein gewaltiger unterirdischer Radiator. In diesem geschlossenen Rohrsystem zirkuliert eine Arbeitsflüssigkeit, die vollständig vom geologischen Umfeld isoliert bleibt.
Der Clou: Die Zirkulation erfolgt durch den sogenannten Thermosiphon-Effekt – kaltes Fluid sinkt ab, erwärmt sich in der Tiefe und steigt selbstständig wieder auf. Nach dem ersten Anstoß mit einer kleinen Pumpe (nur 3 kg/s, unter 30 Minuten Anlaufzeit) läuft das System ohne externe Energiezufuhr.
Leistungsdaten und Ausbaupläne
Das Projekt in Geretsried ist für insgesamt vier Eavor-Loops ausgelegt:
- 64 MW thermische Leistung (Fernwärme)
- 8,2 MW elektrische Leistung
- Sommerbetrieb: 9,1 MW Wärmeleistung pro Loop
- Winterbetrieb: 7,1 MW pro Loop
Ab 2026 soll die Wärmeeinspeisung ins lokale Fernwärmenetz beginnen. Das System ist schwarzstartfähig – es kann nach einem Stromausfall ohne externe Hilfe wieder hochfahren.
Warum das revolutionär ist
Bisherige Geothermieanlagen benötigen natürliche Thermalwasservorkommen – sie sind standortabhängig und bergen das Risiko induzierter Seismizität. Der Eavor Loop funktioniert überall dort, wo es heiß genug ist, unabhängig von Wasservorkommen. Keine Erdbebengefahr, kein Grundwasserkontakt, keine Emissionen.
Geothermie-Boom in Deutschland
Deutschland hat Ende 2024 das Geothermie-Beschleunigungsgesetz verabschiedet, das Genehmigungsverfahren deutlich verkürzen soll. Die Stadtwerke München (SWM) betreiben bereits sechs Geothermie-Anlagen und planen zehn weitere – mit einem Investitionsvolumen von 9,5 Milliarden Euro. Das Ziel: Münchens Fernwärme bis 2040 klimaneutral zu machen.
Insgesamt sind in Südbayern über 26 großenergetische Geothermieanlagen in Betrieb – über 90 Prozent der installierten Tiefengeothermie-Kapazität Deutschlands. Auch der westfälische Bohrspezialist Daldrup & Söhne erhielt 2025 den größten Auftrag seiner Firmengeschichte für sieben Geothermiebohrungen in Pullach.
Vergleich mit anderen Erneuerbaren
Geothermie hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Solar und Wind: Sie liefert rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Mit einem Kapazitätsfaktor von über 90% übertrifft sie sogar Kernkraft (89%), während Solar bei 23% und Wind bei 34% liegen. Geothermie ist damit eine der wenigen erneuerbaren Energiequellen, die als echte Grundlast dienen können.
Noch ein Zukunftsthema: Ab Juli 2026 müssen neue Rechenzentren in Deutschland mindestens 10% ihrer Abwärme rückgewinnen – Geothermie und Fernwärme könnten hier zusammenwachsen.