In einem der überraschendsten Wirtschafts- und Tech-Manöver der jüngsten Zeit hat GameStop ein unaufgefordertes Übernahmeangebot für den E-Commerce-Riesen eBay im Wert von rund 55,5 Milliarden US-Dollar unterbreitet. Das Angebot soll zur Hälfte in bar und zur anderen Hälfte in Aktien bezahlt werden – wobei die entscheidende Frage lautet: Woher soll das Geld kommen?
David will Goliath schlucken
Die Ausgangslage ist bemerkenswert schief: eBays Marktkapitalisierung übersteigt die von GameStop um mehr als das Vierfache. GameStop selbst kämpft seit Jahren mit rückläufigen Umsätzen und einem schrumpfenden Filialnetz – ein Schicksal, das viele stationäre Einzelhändler im digitalen Zeitalter ereilt. Dennoch wagt CEO und Chairman Ryan Cohen den Vorstoß und argumentiert in einem offenen Brief an eBay-Chairman Paul Pressler, das Unternehmen habe sein Potenzial nicht ausgeschöpft und gebe zu viel für Marketing und Vertrieb aus.
Die Logik hinter dem Angebot
Cohens Kernthese: GameStops verbliebenes Netz von rund 1.600 US-Filialen könnte eBay als physische Infrastruktur dienen – für Authentifizierung von Waren, Annahme von Verkaufsartikeln, Fulfillment und sogenannten Live-Commerce-Formaten. Im Grunde würde GameStop damit versuchen, seinen sterbenden stationären Handel als Logistik- und Vertrauensschicht in einen digitalen Marktplatz zu integrieren. Die Idee ist nicht völlig abwegig: Gerade bei Secondhand-Waren und Sammlerstücken – einem Kernbereich von eBay – ist physische Echtheitsprüfung ein echter Mehrwert.
Sollte die Übernahme gelingen, plant GameStop laut eigenen Angaben, innerhalb von zwölf Monaten nach Abschluss jährliche Kosteneinsparungen von 2 Milliarden US-Dollar bei eBay zu realisieren. Kritiker sehen darin allerdings eher ein aggressives Abspecken als eine echte Wachstumsstrategie.
Finanzierung bleibt das größte Fragezeichen
Die größte Schwachstelle des Plans ist die Finanzierung. GameStop selbst verfügt nicht annähernd über die nötigen Mittel, um einen Deal dieser Größenordnung zu stemmen. Das Unternehmen spricht von Fremdkapitalfinanzierung – also massiver Kreditaufnahme – kombiniert mit der Aktienkomponente. Für ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell unter erheblichem Druck steht, ist das ein riskantes Unterfangen. Analysten und Marktbeobachter zeigen sich entsprechend skeptisch, ob eBay das Angebot überhaupt ernsthaft in Betracht ziehen wird.
Kontext: GameStop zwischen Meme-Stock und Neuerfindung
GameStop erlangte 2021 weltweite Bekanntheit als Meme-Stock, als Privatanleger über Reddit-Foren die Aktie in schwindelerregende Höhen trieben und damit Hedgefonds unter Druck setzten. Ryan Cohen, Mitgründer des Tierbedarfs-Onlinehändlers Chewy, übernahm danach das Ruder und versuchte, GameStop zu transformieren. Doch eine überzeugende digitale Strategie blieb bislang aus. Der eBay-Vorstoß wirkt wie ein verzweifelter, aber zugleich kühner Versuch, durch eine Mega-Akquisition einen strategischen Neustart zu erzwingen – ob eBay mitmacht, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Quellen: Ars Technica · PC Gamer