Die Free Software Foundation Europe (FSFE) hat einen detaillierten Bericht veröffentlicht, der Apples Umgang mit den Interoperabilitätsverpflichtungen unter dem Digital Markets Act (DMA) der Europäischen Union unter die Lupe nimmt – und das Ergebnis ist ernüchternd. Von insgesamt 56 formellen Interoperabilitätsanfragen, die Drittentwickler gemäß den DMA-Regelungen an Apple gestellt haben, hat keine einzige zu einer konkreten, umsetzbaren Lösung geführt.
Was der DMA von Apple verlangt
Der Digital Markets Act verpflichtet sogenannte „Gatekeeper" – also marktbeherrschende Plattformbetreiber wie Apple – dazu, Drittanbietern auf Anfrage Zugang zu bestimmten Systemfunktionen und Schnittstellen zu gewähren. Ziel ist es, den Wettbewerb zu fördern und Entwickler aus der vollständigen Abhängigkeit von den Plattformbetreibern zu befreien. Konkret bedeutet das: Apps und Dienste außerhalb des Apple-Ökosystems sollen in der Lage sein, auf iOS und iPadOS tiefer zu integrieren – sei es bei NFC-Funktionen, Benachrichtigungen, Siri-Integration oder anderen Systemdiensten.
Widersprüche zur eigenen Dokumentation
Besonders brisant ist der Vorwurf der FSFE, dass Apples Ablehnungen von Interoperabilitätsanfragen in direktem Widerspruch zur eigenen offiziellen Entwicklerdokumentation stehen. Das bedeutet: Apple behauptet in manchen Fällen, bestimmte Schnittstellen seien technisch nicht zugänglich oder existierten nicht in der geforderten Form – während die eigene Dokumentation das Gegenteil nahelegt. Dieses Verhalten legt den Schluss nahe, dass es sich nicht um technische Unmöglichkeit handelt, sondern um eine strategische Entscheidung, Konkurrenten fernzuhalten.
Einordnung: Ein strukturelles Problem
Apples Verhalten reiht sich in ein Muster ein, das Regulierungsbehörden seit Jahren beschäftigt. Der Konzern hat in der Vergangenheit bereits beim Thema App-Store-Öffnung, Browser-Engine-Wettbewerb und Sideloading nur unter erheblichem Druck und mit zahlreichen Einschränkungen nachgegeben. Kritiker werfen Apple vor, die Buchstaben des Gesetzes zu erfüllen, den Geist jedoch konsequent zu unterlaufen – etwa durch bürokratisch aufwendige Anfrageprozesse, lange Bearbeitungszeiten und letztendlich unbegründete Ablehnungen.
Für Entwickler hat das weitreichende Konsequenzen: Wer auf iOS oder iPadOS eine App anbieten möchte, die tief mit dem System interagiert – zum Beispiel alternative Bezahldienste, Gesundheits-Apps oder Kommunikationstools – bleibt faktisch auf die von Apple gewährten Schnittstellen beschränkt. Das schränkt Innovation ein und zementiert Apples eigene Dienste als Standardlösung.
Was als nächstes passiert
Die Europäische Kommission hat bereits eine sogenannte Spezifikationsentscheidung getroffen, die Apple zu konkreten Interoperabilitätsmaßnahmen verpflichten soll. Der FSFE-Bericht dürfte als wichtiges Beweisdokument in weiteren Verfahren dienen. Sollte die Kommission zu dem Schluss kommen, dass Apple die DMA-Verpflichtungen systematisch verletzt, drohen empfindliche Geldbußen – bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes, bei Wiederholung sogar bis zu 20 Prozent. Bei Apples aktuellem Umsatzniveau wären das potenziell mehrere Milliarden Euro.
Der Fall Apple zeigt exemplarisch, wie schwierig es ist, einen der mächtigsten Tech-Konzerne der Welt zu regulatorischer Compliance zu zwingen. Selbst klare gesetzliche Vorgaben stoßen auf kreative Verzögerungstaktiken – und der Schaden für den Wettbewerb entsteht täglich weiter.
Quellen: Hacker News